Lenzen hat mich sehr beeindruckt. Ich frühstücke in einer kleinen Bäckerei, starre auf das einsturzgefährdete Haus gegenüber
und mache mir so meine Gedanken.
Ein grauer Tag. Ein Tag von einem Grau, das sich nicht entscheiden kann, ob es Nebel sein will oder Wolke. Alles ist feucht. Es nieselt, aber nicht unbedingt von oben.
Ich radle runter zur Elbe, rauf auf den Deich und weiter durch die "Lenzer Wische", jetzt ist die Wiesche von gestern wieder eine Wische, soll mir recht sein. Überhaupt ist hier nichts mehr so richtig brandenburgerisch, das war eine Gegend, die sich traditionell eher nach Westen und Norden orientiert hat. Allem Anschein nach hat man hier schon Platt gesprochen.
Das Grau passt zur Wische/Wiesche. Ich bin froh, diese Landschaft auch noch in ihrem "Normalzustand" zu erleben. Jetzt kommt die "melancholische" Note dieser Landschaft erst richtig zur Geltung.
Ich bin restlos hin und weg. Wenn der Gegenwind nicht wäre...
Auch die Orte sind jetzt schon sehr Norddeutsch. Schöne große Höfe
Und selbst ein so kleiner Ort wie Mödlich leistet sich richtig interessante Kunst.
Dieser "Charon" von Bernd Streiter passt unheimlich gut zu dieser Landschaft und zu diesem Morgen. Streiter ist in Havelberg geboren und hat zu DDR Zeiten in Leipzig studiert und hat seit 1997 sein Atelier in Mödlich. "Der Zeitgeist kann mir gestohlen bleiben!" Ein Querkopf.
Querköpfe scheinen zu dieser Gegend zu passen. Gleich ein Dorf weiter, diese schöne alte Dorfkirche
Hier liegt der Admiral Gjisels van Lier begraben. 1593 in der Provinz Utrecht geboren. Jahrelang reist er für die Ostindien Kompanie durch die Welt. Wird wegen seiner Verdienste bei der Schlacht um St.Vincent in den Adelsstand erhoben. Tritt dann in die Dienste des Kurfürsten von Brandenburg und erhält das Amt Lenzen in Erbpacht. Was er in den nächsten Jahren hier leistet muss die Leute sehr beeindruckt haben. Er lässt die maroden Deiche in Stand setzen, sagt dem Hexenglauben den Kampf an und und ...
Als er stirbt will er hier in dieser Dorfkirche beerdigt werden: "Ick will bi miene Bureckes slopen" (..bei meinen Bauern...). Als man in 1912 aus der Gruft holt, um in in der Kirche beizusetzen, scheint er tatsächlich nur zu schlafen. Er und seine Frau sind komplett erhalten- mumifiziert.
Samstag und Sontag kann man ihn anschauen. Schade, heute ist Dienstag!
Trotzdem eine tolle Geschichte, oder?
In Dömnitz schaue ich mir die Festung kurz an. Eine Festung halt.
Draußen auf dem Deich ist es schöner. Die Störche sind noch da, scheinen keine Eile zu haben aufzubrechen.
Und dann entdeckte ich noch eine tolle Geschichte am Wegesrand.
Noch immer ist hier die Elbe die Grenze zwischen DDR und BRD gewesen.
In einem kleinen Nest dies:
Die Dorfrepublik Rüterberg? Ich fahre ganz gewiss nicht weiter, ehe ich nicht herausbekommen habe, was hinter diesem Ortsschild steckt. Da trifft es sich gut, dass ein kleines Radlercafe auf hat, und ich sowieso Lust auf eine Kaffeepause habe.
Die nette Wirtin erzählt ganz bereitwillig die Geschichte des Dorfes. Es kommen eh wenig Leute hier vorbei.
Rüterberg, war wie Lenzen in der Sperrzone, nur dass hier noch einmal strengere Regeln galten, denn das Dorf liegt direkt am Elbufer. Jede Menge Soldaten und Grenzwachen.
Man stelle sich vor. Nur von 6:00 Uhr morgens bis 22:00 abends konnten sie das Dorf mit Genehmigung verlassen. Nur um zur Arbeit zu kommen. Arbeit gab es in den umliegenden LPGs.
In den 60er Jahren, nach dem Mauerbau wurde Druck auf die Bevölkerung ausgeübt, das Dorf zu verlassen. Von den 300 Bewohnern blieben dennoch um die 150. "Was sollte man machen, wenn man ging war Haus, Hof und Grund verloren. Also blieb fast die Hälfte. "Ja, man war eingesperrt, das ist richtig. Wenn man es bis 10e nich schaffte,.." sie zieht die Schultern hoch, ".. dann musste man sehen wo man schlafen konnte."
Ende der 60er Jahre hatte wohl ein Schneider im Dorf gute Beziehungen zum Militär. Er bekam Auträge, Uniformen anzupassen und zu ändern. Durch seine Kontakte, konnte er sogar einmal in die Schweiz reisen, warum und wie, weiß meine Informantin nicht. Als er zurückkommt ist er begeistert von der Idee der Schweizer Ur-Kantone, wie sie sagt. Im Dorfkrug schmieden die Rüterberger Pläne, die Unabhängigkeit zu proklamieren. Das ist doch Stoff für großes Kino, oder?
Ein Dorf, eingesperrt und eingekastelt, erklärt die Unabhängigkeit! Das gefällt mir. Nach der Wende haben sie vom Landrat offiziell die Genehmigung erhalten, sich Freie Dorfrepublik zu nennen, allerdings nur mit dem Zusatz, 1969-1989.
Wie in Lenzen kann ich mir nicht wirklich vorstellen, wie man jahrzehntelang unter solchen Bedingungen leben kann.
Die Geschichte meiner Wirtin hat mich sehr beeindruckt.
Weniger prickelnd fand ich die Idee, dass man heute einen der letzten Wachtürme an der Elbe, der inzwischen in Privatbesitz ist, als Ferienwohnung mieten kann.
Das kommt mir sehr komisch vor. Ich wollte in so einem Turm nicht Ferien machen, von dem aus möglicherweise auf Flüchtlinge geschossen worden ist.
Hinter Rüterberg ist Baustelle. Der Radweg wird umgeleitet. Die Schilder hören plötzlich auf, und ich merke nach einigen Kilometern, dass ich im Begriff bin eine große unnötige Schleife zu fahren.
Ich will doch zur Fähre nach Darchau. Ich entdecke ein kleines Sträßchen, dass meine Schleife etwas verkleinert, trotzdem sind es an die 5 km Umweg. Das ist nicht so toll, wenn die Tagestour schon deutlich über 75 km lang ist. Aber was soll`s
Unangenehmer ist, dass die Betonplatten immer noch breite Fugen haben. Tatamtatamtatam..
Meinem Rücken gefällt das garnicht.
Ich rede ihm gut zu und verspreche ihm, dass wir in Darchau "in den Westen rübermachen" - und da ist alles besser!
Ja, denkste! Satz mit X! War wohl nix!
Lüchow-Dannenberg - Zonenrandgebiet. Hat alle Hässlichkeiten, die man einem Radfahrer bieten kann, schön säuberlich aufbewahrt. Hässliche Betonplatten, mit breiteren Fugen als in Brandenburg, oberhäßliches Kopfsteinpflaster, ohne Sandstreifen am Rand. Asphaltierte Straßen, die nur aus Flicken und Löchern bestehen. Und die paar Kilometer gut asphaltierte Radewege sind eine Zumutung. Komplett von Wurzelwerk unterwandert, tatamtatamtam.
Ich bin ehrlich erleichtert, als ich nach etwa 85 km in Bleckede ankomme.
Mal sehen, was der Rücken sagt, wenn er Morgen noch einmal auf´s Rad muss.
Trotz alledem.
Heute im Laufe des Tages ist schon immer mal wieder ein bisschen Wehmut aufgekommen, dass Morgen meine diesjährige Reise schon zu Ende sein soll.
Aber noch ist nicht der Moment zu resümieren.
Noch wird es mindestens 2 Blogeinträge geben!
Bis dann!











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