"Sie sind doch auch aus Illmenau! Begrüßt mich der einzige andere Gast im Schloss Rühstädt heute Morgen. Er kann es kaum glauben, als ich steif und fest darauf beharre noch nie in Illmenau gewesen zu sein, - geschweige den zu wissen wo Illmenau überhaupt liege.
"Das gibt es doch nicht, ich hätte schwören können, dass ich Sie aus Illmenau kenne!"
Wir haben uns trotzdem gut verstanden und uns über Radfahren und Illmenau ausgetauscht, jetzt weiß ich, dass es ein Ort in Thüringen ist, etwa 30 km von Erfurt.
Und hier noch einmal "mein" Schloss
Der große Baum auf der rechten Seite ist mit großem Abstand der lauteste Baum, den ich je kennen gelernt habe. So etwas von einem Krach! Schade, dass ich keine Audiodateien in den Blog einfügen kann!
Es müssen mehrere hunderte von Vögeln gewesen sein, die sich höchst aufgeregt die Träume der vergangenen Nacht erzählt haben. Beeindruckend.
Irgendjemand hat etwas dagegen, dass ich nach Hamburg komme. Den ganzen Tag blus und pfoff der Gegenwind nur so!
Ein Glück, dass ich heute keine der größeren Etappen zu bewältigen hatte.
Trotzdem, angenehme Temperaturen, Sonne - ein guter Radeltag durch die Elbauen, von der Altmärkischen Wiesche in die Brandenburgische - und alles Biosphären-Reservat, immer mal wieder mit anderem Namen auf den Schildern.
Was ich dem Brandenburger verüble, ist, dass er es nicht gelernt hat Betonplatten auf Stoß zu verlegen. TatamTatamTamTaTam, das geht nach 1-2Stunden richtig ins Kreuz! Liebe Brandenburger, Der Sachsen-Anhaltiner kann es doch auch, macht doch einfach mal ne Fortbildung bei Euren Nachbarn!!!
Ich mag diese Auenlandschaft. Sie ist einerseits sehr fremd für mich, andererseits sehr faszinierend.
"Wiesche" (von niederdeutsch für: "Wiese") so weit das Auge reicht. Aufgelockert diurch Baumgruppen. Oft mit einem abgestorbenen Baum in der Mitte und drumrum die "Naturverjüngung"
Wenn ich mich recht erinnere gab es vor einigen Jahren mal einen Artikel im Geo über diese Mitteldeutschen Graslandschaften. Darin wurde eine Studie zitiert, in der Menschen aus der ganzen Welt aufgefordert worden waren, ihre Paradieslandschaft zu beschreiben. Seltsamerweise kam querbeet und sehr eindeutig, genau so eine Graslandschaft heraus, durchbrochen von Baumgruppen und Flussläufen. Die Ethnologen zogen daraus den Schluss, dass wir unsere afrikanische Herkunft noch in diesen Bildern in uns tragen, dass hier die "Menschwerdung" 3 entscheidende Schritte gemacht habe. Einmal der Schritt aus dem Wald. Das teilweise hohe Gras bot noch immer Schutz. 2. Der aufrechte Gang. Um immer wieder übers Gras zu "linsen" , wo Nahrung oder Feind sein könnte, und 3. Die Veränderung der Nahrungsgewohnheiten mit einer stärkeren Ausrichtung zum Fleischverzehr, den manche Forscher als Voraussetzung für die Zunahme des Gehirnvolumes ansehen (das ist jetzt kein Morfrad M%ller-Harter Schmarren, das ist eine anerkannte Theorie; Stand der Forschung! Echt wahr!)
Mir jedenfalls gefallen diese Graslandschaften sehr!
Für heute habe ich geplant, etwas unter 60 km zu bleiben, denn in Wittenberge gedachte ich eine längere Pause einzulegen.
Doch da hätte ich mich gestern besser etwas mehr über Wittenberge erkundigt. Der Ort ist touristische Einöde.
So muss es einem Radfahrer aus Brandenburg gehen, der in Singen nach touristischen Highlights sucht.
Am interessantesten waren noch die neu genutzten Industriegebäude am Rande der Stadt. Hier ist ein Hotel drin, Veranstaltungssäle, hier finden Rockkonzerte und Ausstellungen statt. Ein großes Gelände, auf dem Industriebrache zu einem lebendigen Ort geworden ist. Das hat was.
Aber sonst?
Ich drehe eine Runde, und noch eine. Das Rathaus ist ein Historismus Monster - zeige ich nicht. Und von den schönen Jugendstil Ensembles kann ich kein einziges finden - oder mir sind sie nicht besonders aufgefallen.
Doch, etwas hat mir gefallen, Die Skulpturen Gruppe, "Zeitreise" von Christian Uhlig (1944 in Dresden geboren)
Ich hätte sie ja "das Narrenschiff" genannt, denn es ist eigentlich eine ganz gute Umsetzung des Buches von Sebastian Brandt,
Und seine Musiker sind auch ganz nett
Vor allem, wenn sie "neu eingekleidet" sind.
Gleich hinter Wittenberge wieder ein ohrenbetäubender Lärm. Dieses Mal sind es aberhunderte von Gänsen, die sich hier versammelt haben. Ist das Aufbruchstimmung?
Wasn Geschrei!
Dann weiter- gegen den Wind und durch die Elbauenlandschaft. Vor meinem heutigen Etappenziel Lenzen haben sie mit dem Deichrückbau begonnen.
Aus den Erfahrungen des 2002er Hochwassers klug geworden, wurde der flussnahe Deich zurück genommen und durch einen neuen höheren ersetzt,der mehrere hundert Meter weiter hinten liegt und der alte Deich wurde immer wieder durchbrochen.
Man kann den alten Deich hier als dunklen Streifen vor der Elbe erkennen.
Und dann etwas ganz anderes. Kurz bevor ich nach Lenzen abbiege,
dieser ehemalige Wachturm an der DDR-Grenze. Ich hatte mich die letzten beiden Tage immer wieder gefragt, wo die Grenze verlaufen ist, und ob die Elbe nicht auch streckenweise die Grenze markierte. Hier! Kurz vor Lenzen bis etwa nach Horst ist die Elbe Grenzfluss.
Lenzen lag in der 5 km "Sperrzone" in die man von DDR Seite nur mit Sondergenehmigung hinein kam. Eine Dokumentation in der Burg Lenzen berührt. Auszüge aus dem Tagebuch eines Mädchens aus den 60er beschreiben die beklemmende Lebenssituation im "Sperrgebiet", das man "Schutzzone" nennen musste. "..ich weiß nicht wovon wir geschützt werden sollen. Vielleicht davor, dass noch mehr Menschen, die nach drüben wollen, erschossen werden.."
Über 1.400 Menschen werden in den 60er Jahren zwangsevakuiert. Das Elbeufer massiv vermint.
Die die bleiben leben in langsam verfallenden Dörfern, in Isolation.
Lenzen sieht man diese Geschichte heute noch an. Es gibt schön restaurierte Häuser, aber ganze Straßenzüge sind in schlechtem Zustand.
Lenzen lag in der 5 km "Sperrzone" in die man von DDR Seite nur mit Sondergenehmigung hinein kam. Eine Dokumentation in der Burg Lenzen berührt. Auszüge aus dem Tagebuch eines Mädchens aus den 60er beschreiben die beklemmende Lebenssituation im "Sperrgebiet", das man "Schutzzone" nennen musste. "..ich weiß nicht wovon wir geschützt werden sollen. Vielleicht davor, dass noch mehr Menschen, die nach drüben wollen, erschossen werden.."
Über 1.400 Menschen werden in den 60er Jahren zwangsevakuiert. Das Elbeufer massiv vermint.
Die die bleiben leben in langsam verfallenden Dörfern, in Isolation.
Lenzen sieht man diese Geschichte heute noch an. Es gibt schön restaurierte Häuser, aber ganze Straßenzüge sind in schlechtem Zustand.
In der Burg Lenzen, haben NABU, das UNESCO-Biosphärenreservat, und die Organisatoren des "Grünen Bandes" ein Informationszentrum eingerichtet.
Interessante Informationen. Wer hätte gedacht, dass diese fast 1.400km lange Grenze mitten durch Deutschland ein Naturschutzgebiet von riesigem Ausmaß war. Hier konnten sich Arten erhalten, die überall sonst ausgestorben wurden.
Die Initiative Grünes Band hat versucht, dieses gigantische Naturschutzgebiet zu erhalten. Leider ist dies nur zum Teil gelungen, immer wieder haben Nutzungsinteressen Lücken in das Grüne Band gerissen, - trotzdem ein bemerkenswertes Projekt das erstaunlich erfolgreich ist.
Hier in Lenzen habe ich das Gefühl auf Zeitreise zu sein. So weit zurück in der Vergangenheit, war ich auf meiner ganzen Reise noch nirgendwo.
Ich hatte ja ein wenig bedenken, als ich die Pension buchte. Auf meine Anfrage, ob es hier an einem Montag etwas zu essen zu bekommen, war die prompte Antwort: "Aber sicher!"
Aber wie es zeigt, waren meine Bedenken nicht ganz unbegründet. Das Bio-Hotel mit Restaurant, in der Burg, hat heute fast durchgehend Gruppen und Hotelgäste zu bewirten und nimmt niemand mehr zum Abendessen. Tough luck! Ich fürchte schon, dass ich noch mal auf´s Rad muss um in den nächsten Ort zu fahren, da sehe ich das Restaurant am Markt, eine sehr "traditionelles Lokal" - es liegt noch mitten in der "Sperrzone".
Hatte ich eigentlich nicht schon die ganze Zeit vor, einmal Soljanka und Sauerfleisch zu essen? Das ist d i e Gelegenheit! Die letzte Gelegenheit, denn Morgen Abend nächtige ich wahrscheinlich schon wieder in der "BRD".
Das Restaurant am Markt hat eine interessante Speisekarte. Etwa 12 Gerichte. Zu allen gibt es Bratkartoffeln. - Alternativ: Bratkartoffeln.
Ich habe kein Problem damit. Ich mag Bratkartoffeln.
Doch zuerst die Soljanka. Soljanka scheint eine Synonym für "Alles was noch im Kühlschrank ist muss rein" zu sein. Pflicht sind Saure Gurken und Tomatenmark. Hat mir geschmeckt,
Nein wirklich,Soljanka kann man essen.
Die Frage ist nur, ob "Sauerfleisch" als 2.Gang so eine gute Idee ist.
Sauerfleisch ist so eine Art Schinken in Aspik, sauer, sagt ja schon der Name - und die Bratkartoffeln natürlich ultrafett!
Ein Wodka wäre wohl angemessen gewesen, - habe ich mir aber verkniffen. Wenn das mal kein Fehler war.
Ich bin gespannt, ob das angekündigte gute Wetter Morgen hier wirklich ankommt. Im Augenblick ist es noch ganz schön frisch.
Jetzt muss ich mich noch drum kümmern, wo ich Morgen mein Frühstück herbekommen.
Die Pension ist in Ordnung, aber seeehr minimalistisch.
Ach ja,noch ein interessantes Detail:
"Deutschlands Einheit war der Traum
meines erwachenden Lebens,
das Morgenrot meiner Jugend,
der Abendstern der mir zur ewigen Ruhe winkt..."
"Im Dorfe Lanz bei Lenzen,
dort auf der Prignitz Plan,
war ein Mann geboren,
hieß Friedrich Ludwig Jahn.."
Der Turnvater Jahr hat in seiner Kindheit in 3 Ländern gelebt. Sein Heimatort war im vergangenen Jahrhundert 40 Jahre in der Mitte Europas in einem Niemandsland, in das man nur Sondergenehmigung - eigentlich gar nicht hinein gekommen ist.












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