Ein 9-von -10-Punkten-Tag!! Wow! Knapp 80 km und 500 Höhenmeter runter! Na ja, genau genommen, hat die Elbe 500m nach unten geschafft. Ich musste doch das eine oder andere Mal wieder ganz schön nach oben. Aber trotzdem, es ging flott voran.
Doch von vorn:
Sonnig und kühl ist der Morgen. Einer von den Gänsehautstarts. Vales Theorie: "Die ersten 10 Minuten muss man frieren, dann ist man richtig angezogen", trifft heute nicht ganz zu. Dazu geht es erst einmal zu steil abwärts, und die Bergluft ist richtig frisch. Macht nichts, es ist die pure Freude heute Morgen auf Strecke zu gehen.
Ein Blick zurück! Tschüss, Riesengebirge. Die ersten Kilometer geht es über öffentliche Straßen, was nicht weiter tragisch ist. Sonntag Morgen ist der Verkehr mäßig. Allerdings der Straßenrad ist nicht wirklich toll, Löcher, Flicken und stark abfallend. Da muss man eher die Straßenmitte nehmen. Von der "jungen Elbe" sehe ich nur ab und zu ein wenig.
Muss mich eh auf die Straße konzentrieren.
Kleine Orte, noch immer Bergdörfer
Das Holzkirchlein hat mir sehr gefallen.
Hostinne/Arnau ist wie "im Fluge" erreicht.
Und dann beginnt der erste Radweg des Tages. Es soll noch einige angenehme Überraschungen geben.
Doch die Freude währt nur kurz. Das Tal wird enger. Für die Straße ist kein Platz mehr, für einen Radweg schon garnicht. Es geht 6 km aus dem Tal raus, den Berg hinauf. Ganz unten zwischen den Bäumen- meine Elbe, "Labe Ade!" Das war so nicht vorgesehen!!!
Jetzt ist die Frage geklärt ob ich die Windjacke rausholen soll, oder nicht. Ich bin eingefahren.
Immer wieder kommen Hinweisschilder auf die "Kreisstadt" Trutnov, Trautenau.
15 km bis Trautenau. In Trutnov ist mein Vater auf die "Bürgerschule" gegangen - so etwas wie die Mittelschule.
In der Nähe von Trutnov liegt Lampertice - Lampertsdorf.
Da war mein Opa, der Müller, Johann "Ortsvorsteher" und Bergmann, und mein Vater hat auf der Gemeinde "Buchhaltung" gelernt. Von der Ostsee habe ich meinem Cousin Gottfried eine Karte geschrieben, dass ich in der Gegend vorbeikomme, und wir uns vielleicht treffen könnten. Ich habe Telefonnummer und Email Adresse angegeben. Aber bis heute keine Antwort bekommen. Das kann natürlich viele Gründe haben. Die Postkarte kann nicht angekommen sein, mein Handy ist meistens aus. Vielleicht hat er kein Internet. Oder er ist in Urlaub....
Ich frage mich, wie ich auf eine Postkarte aus dem Ostseebad Heringsdorf reagiert hätte: "Fahre gerade mit dem Rad herum, und schaue demnächst im Riesengebirge vor" - klingt ein wenig durchgeknallt, oder?
Als mein Freund Karl mit seiner Familie in Prag war, haben ich ihn mit den Jungs besucht. Eines Tages "überfällt" er mich: "Wir fahren heute nach Lampertsdorf!" Ich wollte eigentlich nicht. Doch wir sind hingefahren. Haben aber niemand getroffen - und auch nicht gesucht. Heute 20 Jahre später wäre ich bereit mich der Familienvergangenheit zu stellen. Aber einfach auf Verdacht noch einmal in die Berge hochfahren, nein, das will ich dann auch wieder nicht. Also fahre ich an dem Ort vorbei, von dem in meiner Kindheit so häufig die Rede war.
Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich ein wenig erleichtert, als das Elbetal weiter wird und ich aus den Bergen raus bin!
Und gleich da unten, kommt die erste Badestelle des Tages, Friederike! Da hättest du mit einigen knackigen Cross-Country-Motorradfahrern ins Wasser springen können.
Na ja, selbst auf dem Bild kann man erkennen, dass die Jungs sooo knackig nicht sind. Waren aber trotzdem gut drauf.
Dann kommt bald das erste Highlight des Tages. Die Elbetalsperre Les Kralovstí. 1906 erbaut ist sie ein wunderbares Beispiel, wie der Stolz auf die technische Leistung in der Industriearchitektur zum Ausdruck kommt. Historistische Türme, Torbögen, wie die Zugbrücke einer Burg. Einfach Klasse!
Elektrizität wurde aber erst in den 20er Jahren hier gewonnen. Anlass zum Bau der Talsperre war ein verheerendes Hochwasser, das die Talenge erst blockierte und dann in einer verheerenden Überschwemmung die ostböhmische Ebene überschwemmte.
Dvur Králové (Dvur heißt "Hof" - Králové ist die Königin) eine alte Stadt, die aber heute mehr Industriebrache aufzuweisen hat, als sonst was. Also weiter abwärts!
Und jetzt kommt die 2.schöne Überraschung des Tages. Was "bikeline", Ausgabe 2013 noch nicht weiß, der elbenahe Radweg ist fertig. Zwar nicht durchgehend geteert, manchmal ein bisschen holprig, aber durchgehend gut augeschildert.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es schon einmal einen Tag gegeben hat, an dem ich nicht die Karte rausgeholt habe. Heute war das der Fall. Nicht einmal kamen Zweifel auf. Schilder immer an der richtigen Stelle - toll gemacht, liebe Tschechen, dafür gibt es Extrapunkte! Mal sehen, ob das so weitergeht.
Irgendwann stehen völlig ohne Kontext, barocke Statuen in der Landschaft, die ich nicht deuten kann.
Reste von irgendwas?
Ich kann auch nichts herauslesen
Manchmal steht so ein Ding fast im Vorgarten eines Einfamilienhäuschens. Dann kommt die Aufklärung:
Irgendwie müssen die Teile mit dem "Hospital Kuks" zusammenhängen. Kuks war im 17.Jahrhundert die Sommerresidenz des Grafen von Storck, einem der "Frühaufklärer" und Jesuitenkritiker. Er baute sie zu einem mondänen "Badeort" aus und lud Künstler "aus aller Welt" ein. Unter anderem auch den österreichischen Bildhauer Mathias Bernhard Braun, der den Landsitz mit Skulpturen und Statuen überzog. Von Braun stammt auch eine der Figuren auf der Karlsbrücke. Die so seltsam "fehl am Platz" wirkenden Statuen, hat Braun aus Felsen am Fundort geschaffen. Er wollte die Kunst eigentlich in die Landschaft einbinden. Gut, dass irgendwann mal jemand sein Häuschen daneben bauen , oder eine Straße direkt daneben gesetzt wird, das konnte er nicht voraussehen.
Das Schloss selbst existiert nicht mehr, es verfiel und wurde abgerissen. Was erhalten blieb ist das Hospital, das er initiierte, und das bis zum 2.Weltkrieg von Barmherzigen Brüdern für alleinstehende ältere Männer betrieben wurde.
Das ist die gegenüberliegende Seite, der "Badeort". Hier haben sich heute die Massen durchgeschoben. Neben Busladungen von deutschen Touristen ist Kuks heute auch Radlerausflugsziel gewesen. Von Jaromer ist das die ideale Distanz, um hier eine Jause zu machen und dann wieder zurückzuradeln. Die beiden Radfahrer rechts, mit den grünen T-Shirts habe ich heute mindesten 5 mal getroffen. Irgendwann sind wir ins Gespräch gekommen. Vater und Sohn, aus Göttingen, heute erster Tag der Elberadtour. Haben Zelte dabei, aber die Zeltplätze, die sie angerufen haben, sind alle schon voll. Das letzte Mal habe ich sie kurz vor Königgrätz getroffen.
Auch wenn die Festung Josefov und die Gegend um Königrätz historisch eine wichtige Rolle gespielt haben, 1866 Schlacht bei Königgrätz, hier hat Preußen die Österreicher geschlagen. 400.000 Soldaten haben sich hier ein blutiges Gemetzel geleistet, bin ich dennoch auf dem Radweg geblieben. Nach Festungsbauten stand mir heute nicht der Sinn.
In Josefov ist demnächst übrigens "Brutal Assault" - das größte "Extreme Metal Festival" Europas, bin ich ein bisschen zu früh dran.
Und dann Hradec Králové:
Mannomann, so eine schöne Altstadt. Aber am Sonntag fast menschenleer. Ein Museum ohne Besucher. Ich habe ein Super Hotel erwischt. Das Nove Adalbertinum ist das ehemaliges Jesuitenkloster, direkt an die Mariä-Himmelfahrtskirche gebaut. Davor, etwas verloren auf dem riesigen Parkplatz, die Mariensäule. Eine der vielen, die ich schon auf der Donaureise bewundern konnte. Sie heißen auch Pestsäulen, zum Dank dafür errichtet, dass die Stadt Anfang des 18.Jh. verschont geblieben ist.
Mein Zimmer im 3. Stock grenzt an die Kirche an. Während ich gerade den Blog schreibe höre ich den Organisten aus der Kirche üben, hat was.
Mein Zimmer geht hinten raus:
Besonders schön sind die gut erhaltenen Lauben. Kolonnaden gibt es auch in anderen Städten, was man aber selten sieht, sind alte Geschäfte und ihre Ladenfronten.
Aber auch Wohnquartiere sind noch durch Kolonnaden verbunden.
Völlig fasziniert bin ich durch diese Altstadt gelaufen. Motive ohne Ende! Aber wie gesagt, wirkte alles etwas verlassen.
Ehe ich Euch weiter Bilder um die Ohren haue, nur noch 2 , .versprochen.
Die Mariä-Himmelfahrtskirche birgt ein Kuriosum, das ich überhaupt noch nie gesehen habe. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Kirche im 18.Jahrhundert mal gebrannt hat.
Fällt was auf? Nein, kann man wirklich kaum sehen! Ich war völlig verblüfft, als ich es entdeckt habe. Der Hauptaltar ist nicht "echt". Das heißt, er ist nicht wirklich dreidimensional, sondern zum allergrößten Teil gemalt, Einschließlich der Statuen. Auch die beiden großen Weißen. Der rechte Altar ist plastisch,, der Hauptaltar nicht. Auf die Wand gemalt. Trompe-l’œil vom Feinsten. Auch viele Statuen von Heiligen in den Nischen, nicht echt. Auf die Wand gemalt. Klasse!
Und ein letztes:
Etwas außerhalb der Altstadt, das wunderschöne Jugendstilmuseum der Stadt. Das Gebäude ist interessanter als die Sammlung.
Eine Frage an Euch. Wenn halbnackte Damen so mächtig den Eingang zum Bildungstempel flankieren, dann stehen sie für etwas. Aber was? Und vor allem warum balanciert die Rechte einen kleinen nackten Mann auf der Hand, der sich schamhaft mit einer Art "Seite" bedeckt hält. Und die andere nicht:
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Keine erkennbaren Attribute. Sollte hier zu Anfang des 20.Jahrhunderts ein Kryptofeminist zugange gewesen sein? Oder hat der gute Jan Kotera noch ganz in der Tradition des Symbolismus einfach eine "Höllenangst" vor dem "Weib" gehabt. Ja Siegmund hat die Männerwelt ganz schön durcheinander gebracht.
Bis Morgen!























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