Was mir an den Radtouren besonders gefällt: Jeder Tag ist anders. Gestern noch habe ich über das Fehlen der Ausschilderung geflucht, mich über das Fahren auf belebten Straßen geärgert und über die Hitze gestöhnt.
Heute brauche ich die Karte nicht, die Schilder stimmen, ich fahre kaum auf Straßen und es ist recht kühl. Ein kalter Wind pfeift von Westen.
Gleich an der Elbe
Gleich an der Elbe
Schon von der Brücke aus
entdecke ich meine geliebte gelbe Zwei, auch wenn sie ziemlich hoch am Masten hängt. Der Radweg bleibt erst einmal am Ufer, wenn auch nicht lange.
Die Elbe ist hier schon schiffbar. Bis Pardubice können Schiffe hoch fahren. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich aber schon in Hradec Králové "Schiffe" gesehen.
Zugegeben, das ist nicht ganz das, was man unter "schiffbar" versteht! Aber nett waren die kleinen Dampfer doch.
Doch zurück:
Ich beschließe, heute alles zu glauben, was mir die Schilder sagen wollen. Durch bikeline bin ich vorgewarnt, dass es nicht immer über geteerten Wege gehen wird. "Nur bei trockenem Wetter befahrbahr" - "sonst lieber die Alternativroute über Straßen wählen". OK! Freitag hat es das letzte Mal geregnet, das kann man als "trockenes Wetter" gelten lassen.
Und dann geht es auch schon los.
Erste Etappe: "Waldwegslalom". Es ging wild durch die Bäume durch.
2.Etappe: BMX Trial, mit Schanzen zum Trickflug!
Diese Disziplin empfiehlt sich nicht mit 2 Satteltaschen. Also steige ich ab.
Inzwischen ist auch klar, dass "bikeline" absolut recht hat. Bei Regen bleibt man hier stecken. Es war sogar heute noch stellenweise ein Balanceakt nicht in den Schlamm zu fahren.
Elbe-Altarm-Auenlandschaft. Schön aber auch sehr "moskitohaltig". Die Viecher stehen auch durchs Hemd. Aber das Gemeinste ist- Schnaken im Helm. Und wenn die blöden Viecher nicht mehr raus finden, dann rächen sie sich an der Kopfhaut.
Es wäre falsch zu sagen, es hätte mich nicht "gejuckt". Aber heute kann mich nichts so schnell aus der Fassung bringen. "Etkütwieesküt"- Ich werde wieder jeden Tag Tai Chi machen!
Und siehe da, ich werde für meine Gelassenheit belohnt.
3.Etappe: Mitten durch die Himbeeren. Und die sind reif!!
4.Etappe: Mitten durch die Altarmsümpfe. Wenn ich die "pädagogische Tafel" zu diesem Abschnitt richtig verstanden habe - waren nur auf Tschechisch, dann hat dieses Naturschutzgebiet mit dem Jahrhunderthochwasser zu Anfang des 20.Jahrhunderts zu tun, von dem ich schon vor ein paar Tagen erzählt habe. Zum einen wurde die Talsperre bei Les Kralovsti gebaut, zum anderen hat man schon 1907 begonnen, Schutzgebiete als Hochwasserpuffer einzuführen. Wie man sieht, sind unsere gegenwärtigen Probleme "so neu" auch wieder nicht.
Nach der waghalsigen Fahrt durch die Auwälder führt mich der Radweg wieder in die Zivilisation und durch ein kleines Dorf namens Velký Osek. Ich komme an einer Bushaltestelle vorbei, - ich traue meinen Augen nicht:
Auf welchen Bus warten meine Freunde. Das muss ich herausfinden. Wie es den Anschein hat gibt es auch hier Heavy Metal Freunde. Diese Kollegen wollen zum größten Heavy-Metal-Festival Tschechiens, dem "Giant-Dwarf-Red-Hood-Banger" Festival. Ob sie schon vom polnischen Festival in Łęknica gehört haben? Da kann mein Gesprächspartner nur müde lächeln. "Kinderkram!" In Podebrady geht der Punk richtig ab. Warum sie sie sich schon heute auf den Weg machen? "Zwerge kommen langsam, aber dann mächtig. Wir machen bei der "Becherovka"- Warming-up Party mit, damit wir bis Donnerstag so richtig in Fahrt sind."
Ich wünsche meinen neuen Freunde viel Spaß und radle selbst in Richtung Podebrady.
Kurz vor Podebrady liegt Libice nad Cidlinou.
Hier komme ich an dem Burgwall der "Slavinikinger" vorbei. So steht es zumindest auf wunderschön gemachten Informationstafeln.
Slavinikinger? Gab es vielleicht frühe Fraternisierungen zwischen Slaven und Wikingern
Interessant
Bikeline hat sie als Slavinikiden übersetzt. Das finde ich langweilig. Die "Slavenartigen", das hört sich biologistisch an.
Den Burgwall muss ich mir genauer anschauen. Wir sprechen hier immerhin von einer Besiedlung um 800.
Den Burgwall muss ich mir genauer anschauen. Wir sprechen hier immerhin von einer Besiedlung um 800.
Aber welche Enttäuschung. Hier wird nicht den rauen Slavinikingern gehuldigt, sondern denen die sich zum Christentum bekehren ließen. Den Heiligenscheinen nach, -man kann sie gerade noch erkennen, ist ihnen das nicht gut bekommen. Aber wenigstens einen Helm mit Hörnern hätten sie ihnen gönnen können.
In Podebrady mache ich Pause. Schöne Burganlage.
Am besten hat mir dieses Bekenntnis zu Europa im Innenhof der Burg gefallen:
Auf 28 Herzen, die sich drehen, haben kleine und große Künstler die Länder der EU gestaltet. Und siehe da, schon wieder eine "Rotmütze". Die heutige Preisfrage lautet: "Für welches europäische Land steht der Gartenzwerg auf dem Herz rechts neben Italien?" (Vorsicht Falle! Nicht an das nahe liegende denken!)
Und auch der Dackel auf diesem Herzen steht nicht für Deutschland, nein, nein:
Wer das Parlamentsgebäude in B. nicht erkennen sollte, den Kubrikwürfel kennt garantiert jeder.
Hat mir wirklich gefallen. Sollten die Tschechen die letzten Europhilen sein?
Bravo Tschechen, weiter so!
Beim Rausfahren aus Podebrady komme ich an einem Fahrradladen vorbei. es ist kurz vor 1/2 12.
Das ist die Gelegenheit. Schon seit der Regen/Bergetappe im Riesengebirge, knirscht meine Gangschaltung gelegentlich - heftig. Ein bisschen Öl könnte nicht schaden. Kein Problem, der Sohn des Chefs spricht gut Englisch. Geölt ist schnell. Doch dann weisen sie mich auf den Zustand meines Hinterreifens hin. Der ist mehr als deutlich abgefahren. Da kommt schon die Karkasse raus. Da hat sich mein Fahrradhändler ganz schön getäuscht, als er meinte, das Profil reiche noch für diese Reise.
Schwalbe-Marathon haben sie hier natürlich nicht. Aber Sohnemann versichert mir, sie hätten Mäntel von ähnlich guter Qualität. Muss ich glauben. Mit Sicherheit ist ein neuer Mantel besser, als ein komplett abgefahrener von Schwalbe.
Bis um 12:00 soll ich noch mal ins Städtchen gehen, dann sei der neue Mantel drauf. Gut. Inzwischen hat es angefangen sich einzuregnen. Von leichtem Sprühregen zu leichtem "Landregen".
Da passt es ganz gut, dass ich am Heimatmuseum vorbei komme.
Warum nicht.
Eine nette Überraschung hält dieses Heimatmuseum bereit. Neben dem üblichen Kram, Ammoniten, Bronzezeit und natürlich Slavonikinger, gab es eine ganze Abteilung mit Fahrradoldtimern u.a. eine beachtliche Sammlung von Hochrädern.
Toll. Ein altes Plakat habe ich sogar verstanden. Es war auf Deutsch und lädt zum "Cylcopedalisten- Wettrennen" ein. 1868 gab es schon Radrennen, wer hätte das gedacht!
Um 12 ist mein Rad fertig. Der neue Mantel sieht gut aus. Die Gänge gehen wieder wie geschmiert.
Da habe ich wieder einmal Dusel gehabt! Hoffentlich!
Weiter nach Nymburk, - Neuenburg - wieder ein nettes Städtchen, aber im Regen machen Stadterkundungen weniger Spaß.
Hier verlasse ich den sehr guten Radweg, denn meine heutige Unterkunft liegt in einem kleinen Dorf namens Semice - "in the middle of nowhere". Aber es gibt einen tschechischen Radweg, einen guten, der auch noch ausgeschildert ist.
Dummerweise frage ich einen netten älteren Herren, der mir abrät auf dem Radweg zu bleiben. Wortreich und mit einer Zeichnung im Sand erklärt er mir wie ich nach Semice komme. Der erste Teil seiner Strecke ist ok. Doch dann muss ich wieder so eine Waldslalomstrecke unter die Räder nehmen, nur dass es jetzt regnet und der Sand langsam zu Matsch wird. Das ist eine zähe Angelegenheit.
Ein Gutes hat die neue Strecke. Ich entdecke, das Herz der tschechischen Zwiebelproduktion . Es ist Erntezeit es riecht kräftig nach Zwiebeln. Also von wegen ganz Tschechien rieche nach Sauerkraut!
Hat spätesten seit Sonntag eh nicht gestimmt. Da roch "ganz Tschechien" - wie ganz Deutschland auch an einem sonnigen Augustsonntag - nach Grillkohle und verbranntem Fett.
Zwiebel-, Schalotten-, Knoblauchfelder, so weit das Auge reicht.
Die Gegend wird richtig einsam. Winzige Dörfer. Ich hole meine Adresse heraus. Hier soll ein Hotel sein? Am Ortseingang von Semice ein Schild: Restaurice & Pension. Ich biege ab. Weit und breit nur ein Haus. Ich bin richtig.
Wirklich schön hier, kleine Teiche kleine Brückchen. Schön gedeckte Tische. Nur keine Menschenseele da. Ich rufe die Telefonnummer an, die in der Booking Anmeldung steht. Fehlanzeige. Niemand nimmt ab.
Ich rufe die Nummer des Restaurants an. Eine junge Dame meldet sich. Sie kommt in 15 min.
Stimmt.
Das Restaurant hat 2 Zimmer.
Ob hier jemand zum Essen hinfährt. Ich bin gespannt. Um 18.00 gehe ich hinüber. Ich bin der einzige. Doch das ändert sich schnell. Das Lokal füllt sich. Das ist verständlich, denn das Essen ist ausgezeichnet.
Nicht dass mich jemand falsch versteht, ich liebe Knödel und Sahnesoßen in jeder Form. Auch Blau-, Sauer-, und sonst welche Krautsorten kann es jeden 2.Sonntag geben. Aber heute habe ich mich richtig über etwas Abwechslung gefreut:
Zuerst frisches Schmalz mit "jungen Zwiebeln" aus der Region.
Dann "weiße Tomatensuppe" exzellent.
Dann "Wels" aus dem See auf Belugalinsen, mit gedünsteten Radieschen.
Das hat richtig gut geschmeckt!
Und sehr nettes kompetentes Personal. Allem Anschein nach ist die Gegend doch nicht so abgelegen, ich bin vielleicht nur durch den Hinterhof hierher gekommen. Und Prag ist ja auch nicht wirklich weit.
Notwendiger Nachtrag zu gestern:
Was die schwarzen Fohlen von Schimmelstuten betrifft schreibt Valle:
"Zu
dem Fohlen hattest du schon die richtige Idee. Echte Schimmel werden
nicht weiß geboren sondern z.B. als Fuchs oder Rappe. Im Laufe der Zeit schimmeln
sie dann aus, dafür sind bestimmte Gene verantwortlich."
Ich finde Reisen einfach toll, was man alles lernt!
Allein in den letzten beiden Tagen hat sich meine "Schatzsammlung" von Lieblingswörtern um 3 Wörter erweitert:
Gestern waren es die "Altkladruben" oder "altkladrubischen Pferde"
Heute die "Slavinikinger"
Und jetzt habe ich noch gelernt, wie "ausschimmeln" geht.
So kann es weiter gehen!
















Immer wieder schön, die Erklärungen. Spannend finde ich auch, dass die tschechischen Himbeeren ganz blau sind. Ich hoffe, sie haben auch so geschmeckt. Weiter eine gute Reise, bin gespannt.
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