Nach einem trüben Tag, den ich angesichts der vielen Regenschauer ganz passable überstanden habe,
heute Morgen Prachtswetter. Wolkig, aber überwiegend sonnig.
Auf geht´s "Der Berg ruft".
Normalerweise höre ich auf diesem Ohr nicht besonders gut, aber heute hatte ich Lust. Ich hatte sogar schon die Ersatzradlerhose unter meine Shorts angezogen. Doch dann hörte ich im Frühstückssaal einige Radler, wie sie sich über die "Abfahrt" von Spindlermühle unterhalten. Es gibt nämlich einen Shuttlebus hinauf, und dann kann man mit dem Rad runtefahren. Doch diese 15 km sind auf der gleichen Straße, die die Busse und alle PKWs hochfahren. Interessant ist das nur für Mountainbiker, die von der Spindlermühle weiter hoch wollen, z.B. mit Liften, um dann die heißen Pisten abwärtsrasen.
Zu dieser Sorte Radfahrer gehöre ich definitiv nicht. Also noch einmal auf´s Zimmer und die Radlerausrüstung ausgezogen.
Der Bus hält direkt vor dem Hotel, ist aber fast schon voll als er ankommt. Klar heute ist ideales Bergwetter, nicht zu heiß - und sonnig.
Was mir schon an Vrchlabi aufgefallen ist, trifft erst recht auf Špindlerův Mlýn, Spindlermühle zu.
Das sind Wintersportorte. Für den Sommertourismus ist alles 2 Nummern zu groß. Die Riesenparkplätze sind nicht einmal halb voll. Überall Après-Ski-Lokale. Jagertee mit Livemusik. Doch der Sommertourismus, das sind Familien, Rentner, Radfahrer, Radfahrerrentner und Pilzsammler.
Mit denen kann man nicht Partymachen!
Es herrscht ein wenig Geisterstadtstimmung.
Aber das Riesengebirge ist schon die Wucht. Wenn man aus den Parkplatz/Hotelkomplexen draußen ist.
Und auch die "junge Elbe" ist schön, - und laut, wie es sich für einen Teenager gehört.
Eine kleine topographische Zwischenbemerkung:
Wir sind jetzt der Elbequelle schon sehr nahe. Wenn man mit dem Sessellift den Medvedin (den Bärenberg) hochfährt, dann ist es noch eine 7km Wanderung bis zur Elbequelle. Da Friederike nicht dabei ist, habe ich von vornherein beschlossen, dass 7 km hin und 7 km zurück, - zu Fuß, d.h. ohne d i e Menschheitserfindung Rad unterm Hintern - nicht in Frage kommt. Also habe ich mich nicht auf Gebirgswandern eingestellt.
Der Sessellift auf den Medvedin ist lang. Ich habe zwar keine Vergleichsmöglichkeiten, 15 min kamen mir schon recht lang vor.
Gut beobachten konnte man die Auswirkungen auf die Landschaft durch den Skitourismus. Da werden Berge richtig umgemodelt.
Und das ist dann auch die Mountainbike Abfahrt.
Oben angekommen, auf über 1200m
Dobrý den
hat man einen 360° Rundumblick.
In diese Richtung liegt die Elbequelle. Ein Naturschutzgebiet das mich sehr fasziniert. Es erinnert mich an die Bücher über das Riesengebirge, das wir zu Hause hatten. - Als die Welt noch Schwarz-Weiß war. Aber hier herrscht auch nur eine Farbe vor: Grün (Farbe wird generell überschätzt: Hallo V, in M.)
Das ist Rübezahlland!! Doch zu dem komme ich gleich noch.
Auf dem Bild kann man schwach auf dem Berg gegenüber eine "Baude" erkennen. Ich frage zwei tschechische Wanderinnen, ob das die Sněžka, die Schneekoppe sein könne. Eine minutenlange Diskussion beginnt, in die ich großzügig auf Tschechisch einbezogen werden, wir studieren die Karte und stellen fest, dass das die Martinsbaude sein müsse, Die Schneekoppe ist weiter rechts, aus dem Bild. Gerade habe ich im Internet nachgeschaut, die Martinsbaude kann es auch nicht sein. Und was ich dort an Bildern gesehen habe, könnte es schon die Baude auf der Schneekoppe sein.
Das beruhigt mich. Denn auch bei unserem Alpenpanorama ergeben sich, abgesehen von den Churfirsten und dem Säntis, die gleichen Diskussionen.
Nach dem Totholzgebiet kommt ein Hochmoor,
Das sind übrigens meine beiden Diskussionspartnerinnen.
Ich gehe weiter, obwohl ich doch ganz sicher nicht die 13 km machen will, aber die Landschaft ist einfach faszinierend.
Wer weiß, was wirklich geschehen wäre, wenn nicht auf einmal schwarze Wolken aufgezogen wären und der Wind empfindlich kalt aufgefrischt hätte.
Wie flachlandtirolerisch kann man sich aufführen, ohne Regenbekleidung in die Berge zu fahren!
Ich beschließe umzudrehen.
Die Regenfront zieht weiter. Und ich werde die "Elbequelle" so schnell nicht zu Gesicht bekommen.
Später lese ich, dass die Betonquellfassung ein ähnlicher Fake ist, wie die Fürstenbergsche Donauquelle am Schlosspark zu Donaueschingen. Es gibt keine "Quelle" sondern ein Quellgebiet, das deutlich höher liegt.Auf über 1300m. Muss man nicht gesehen haben. Wir sind doch keine Blödtouries, die auf jeden Marketinggag reinfallen.
Andere scheinen auch gefroren zu haben. Auf jedem 2.Tisch stehen leere Schnapsgläser.
So und jetzt zu Rübezahl.
Er spielte eine wichtige Rolle in meiner Kindheit. Mein Opa, der Müller, Johann, hat mir viel vorgelesen. Grimm, Comics von Cousin Karl-Heinz und die Rübezahlgeschichten.
Das waren keine lustigen Geschichten. Ich glaube, den einen oder anderen Alptraum hat mir Opa Johann eingehandelt, aber ich habe die Geschichten geliebt.
Der Rübezahl mein Kindheit war launisch, hinterhältig, großzügig zu Armen, aber unberechenbar. Ein richtiger Berggeist eben, der auch das schlechte Wetter bringt oder Blitze aus heiterem Himmel schleudern kann. Da konnte man die "Restbestände" von vorchristlichen Naturgottheiten spüren.
Und jetzt diese christlich/pädagogisch kastrierten Gandalf/Großzwerge:
Und dann läuft er auch noch in Echt rum.
Und auf Schokoladen, Kräuterschnapsflaschen, Hustenbonbons...
Aber die schlimmste pädagogische Variante habe ich in einer Broschüre des Fremdenverkehrsbüros gefunden:
Jetzt hat er einen Eichelhäher und einen Fuchs und den "Herrn Förster" und "Mama Hantsche" als Freunde und er kümmert sich natürlich um die Natur!!
Wahrscheinlich hätte ich als Kind heute auch Alpträume! Opa Johann, du hast alles richtig gemacht.
Wieder unten vom Berg erwische ich sofort einen Retourbus und fahre ich zügig nach Vrchlabi zurück.
Im Bus sehe ich viele strahlende Gesichter.
Die Pilzsammler fahren mit reicher Ernte zurück.
Körbeweise, Butter- und Steinpilze. Gute Saison, sagt mein Nachbar - vermutlich auf tschechisch.
Übrigens, auch halbverlassene Skigebiete im Sommer riechen nach Sauerkraut.
Wieder in Vrchlabi angekommen, darf ich feststellen, dass heute Kontrastprogramme angesagt sind.
Ich steige am Marktplatz aus:
Heute ist großes Amischlitten-Oldtimertreffen.
Viele Cadillacs, Buicks, Oldsmobile, Packards, aber auch Jeeps, Monster SUVs und natürlich
die obligatorischen Pinup-Girls, die sich auf Wunsch lasziv auf Kühlerhauben räkeln.
Nein, ich werde sie Euch nicht "räkelnd" zeigen.
Und wer ist auch da?
Richtig!
Mein Lieblings-Oldtimer hat es nicht in den Wettbewerb geschafft. Er durfte nicht einmal auf den Platzt. Er musste "draußen bleiben"
Dieser Tatra von 1936 ist eine wirkliche Schönheit - aber eben "nur" a Tschech!
Bis 18:00 hatte es keinen Zweck auf mein Zimmer zu gehen. Denn Straßenkreuzer-Oldtimer-Besitzer haben nicht nur den "Größten" sondern auch den "Lautesten" (wenn Ihr meint dass die Metapher verrutscht ist, dann liegt das ausschließlich an Eurer versauten Phantasie!!). WWrrrrrroum, wwwrrroummm, jeder einzelne hat einen beeindruckenden, unüberhörbaren "Abgang" (siehe oben!)
Und dazu noch eine nicht immer taktsichere Coverband für Südstaatenrock.
Zur Zeit sind sie zu Reggae über gegangen, das klingt viel relaxter. Wahrscheinlich wachsen auch im Riesengebirge gute Kräuter!
So, und jetzt ist Schluss mit Faulenzen!
Ab Morgen wird wieder in die Pedale getreten.
"Abbi mussi"!
Friederike ist wieder gut in Engen angekommen. Sie hat mir versprochen, dass wir heute noch ihren "Schlussbericht" zu lesen bekommen:
UND DA IST SIE SCHON:
Per Email aus Engen:
"Nun wollt Ihr sicher noch wissen wie ich mit „Quer durchs
Land“ nach Hause gekommen bin:
Wie mein Lieblingsschwager W.W. heute morgen sagte: „ Wenn
man in dreieinhalb Wochen zweieinhalb Stunden
zu spät kommt, dann ist das ja wohl gar nix!“
Das stimmt! Meinen ehrgeizigen Plan in Nürnberg abzubiegen,
mich wirklich quer durchs Land durchzuschlagen, habe ich umgesetzt. Hat alles perfekt geklappt, trotz sehr
knapper Umstiegszeiten. Großes Lob an die DB, wirklich!
Aber dann kam das „menschliche Versagen“: ich bin in Donauwörth in den falschen Zug
gestiegen! Fahrrad angebunden, Platz gesucht, mich gewundert, dass die anderen
drei Radfahrer, die wie ich nach Ulm wollten, nicht dabei sind, nachgefragt ,
der Zug fährt nach Ingolstadt und zwar eigentlich jetzt! Ein kleines Mädchen
hat immer wieder den Türdrücker betätigt, damit ich überhaupt noch rauskomme. Danke
kleines Mädchen! Aber meinem richtigen Zug konnte ich grad noch nachschauen.
Und was macht eine leidenschaftliche Radfahrerin in solch
einer Situation? Nein, nicht mit dem Rad von Donauwörth nach Engen losfahren.
Aber ich bin tatsächlich ein bisschen in Donauwörth herumgefahren, zur
Beruhigung. Und hab‘ meinem großen Bruder am Telefon mein großes Leid geklagt,
auch zur Beruhiguung.
Ansonsten hat alles gut geklappt, auch die ganzen 8 (acht!)
Umstiege mit Fahrrad waren okay.
Und zum Schluss hab‘ ich in Singen am Bahnhof noch einen
Rotwein getrunken und mich wieder mit meinem Klientel vertraut gemacht, das ja
gerne am Bahnhof rumsteht.
Ich hab viel gesehen auf dieser Fahrt quer durchs Land:
In Radec (da sind wir von Zittau kommend auch durchgeradelt)
einen verzweifelten Radfahrer, der den Zug nach Liberec bekommen wollte, durch
ein Feld gerannt ist, sein tropfnasses Zelt ist hinter ihm hergeflattert. Er hat es noch auf den Bahnsteig geschafft,
aber die Türen waren schon zu und der Zug ist ohne ihn abgefahren. Armer nasser
Kerl, der heute keine Lust mehr auf radeln hatte.
Lange habe ich noch die oberlausitzer Untergebindehäuser
gesehen (ja, diesen Namen hab‘ ich mir gemerkt). Und ich habe die Fahrt durch
die „sächsische Schweiz“ genossen, eine sehr schöne Landschaft die zum Wandern einlädt. Nicht so sehr zum
Fahrradfahren, denn es ist wirklich sehr hügelig.
Ich hab auch nochmal die Fotos auf meinem Handy angeschaut,
welch eine Vielfalt von Landschaften wir durchfahren haben: Elbe und
Heidelandschaft, die Hansestädte, die Ostsee, den Darß, Rügen und Usedom, die Odermündung und das
Oderbruch, die Neisse und allmählich die Mittelgebirgslandschaft
Gebadet habe ich in drei Flüssen: Elbe, Oder und Neisse
und in drei Seen: Ratzeburger See, Wolgastsee und der kleine
See mit den Nackigen
und natürlich in der Ostsee.
Was mich wirklich berührt hat, war dieses Herumgondeln an
allen möglichen Grenzen. Solche die heute gar nicht mehr existieren zwischen
Ost-und Westdeutschland und solche, die friedlich und unspektakulär sind, wie
die nach Polen und in die Tschechei.
Wenn man denkt, was sich da so alles abgespielt hat über die Jahrhunderte.
Es war eine überraschend abwechslungsreiche Fahrt und soooo
schön.
Hier noch das Abschiedsbild von Manne:
Gute Fahrt und bis bald!























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